Er ist ein Teil meiner Geschichte, aber er ist nicht alles

von Frauke Drews

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Das hier ist meine Geschichte. Nicht seine. Er ist ein Teil meiner Geschichte. Ein sehr großer Teil, aber er ist nicht alles. Er ist mein kleiner Bruder, obwohl er bald größer sein wird als ich. Er zieht mich damit immer auf, aber noch bin ich größer als er.

Mein Bruder

Ich erinnere mich nicht daran, wann mir klar wurde, dass er nicht gesund ist. Es war einfach so. Er war nicht gesund. Er braucht viel Hilfe im Alltag. Er muss zu Therapien gefahren werden. Er muss viele Medikamente nehmen. Er kann sich manchmal nicht richtig ausdrücken. Er war manchmal wochenlang weg, weil er in Rehabilitationskliniken war.
Er hatte einen Schlaganfall.

Viele sehen ihn oft seltsam an und fragen nach, was er hat oder wieso er hinkt oder wieso seine rechte Hand in einer seltsamen Haltung ist oder wieso er generell so komisch wäre. Ich antworte: er hatte einen Schlaganfall. Die Reaktionen darauf sind alle gleich. Sie sind mitgenommen, erstaunt und einige peinlich berührt. Und dann sagen sie: es ist bestimmt schwer für dich. Und was antworte ich?: Für mich ist es normal. Aber was heißt schon normal? Nichts und niemand ist normal. Jeder hat irgendwelche Krankheiten oder Einschränkungen. Manche sind schlimmer, andere weniger. Wir sind mit seiner Krankheit aufgewachsen und wir alle leben damit.
Macht ihn diese Krankheit zum Krüppel? Nein! Ist er dumm, nur weil er sich nicht so ausdrücken kann wie wir oder nicht so schnell lernt wie wir? Nein! Er ist ein wundervoller und liebenswürdiger Mensch! Ich liebe ihn bedingungslos. Er ist für mich der wichtigste Mensch in meinem Leben.
Das bedeutet aber nicht, dass wir uns nicht streiten würden. Wir sind wie viele andere Geschwister auch. Wir streiten uns um die Fernbedienung, um den letzten Joghurt oder schreien uns an, wenn der andere einfach nur nervt und einem nicht das gibt, was man gerne hätte.
Aber zwischen uns ist eben doch mehr als eine einfache Beziehung zwischen Geschwistern. Wir haben zusammen sehr viel durchgemacht. Wir stehen uns sehr nah. Ich glaube wir stehen uns viel näher als andere Geschwister. Wir sind ein super Team. Er vertraut mir fast bedingungslos. Das merke ich immer wieder. Und ich fordere ihn. Ich habe großes Vertrauen in seine Fähigkeiten und glaube, dass er viel mehr kann als man ihm zumutet.

 

 

Viele haben mir immer gesagt, dass sie stolz auf mich wären, dass ich so stark sei, dass ich schon so erwachsen wäre und so toll mit seiner Krankheit umgehen würde. Und das stimmt auch. Ich bin nicht ständig gegen eine Wand gelaufen und bin verzweifelt, weil es ihm nicht gut ging. Aber mir ging es nicht immer so gut, wie viele gedacht haben. Ich habe mir auch Sorgen um ihn gemacht. Ich habe oft geweint, wenn ich gesehen habe wie schlecht es ihm ging. Immer wieder wenn ich gemerkt habe, dass es ihm nicht gut ging, ging es mir auch nicht gut.
Aber ich habe immer wieder Kraft gefunden. Unsere Familie hält sehr stark zusammen und wir unterstützen einander, wann immer der eine Hilfe oder einfach nur jemanden, der zuhört, braucht.
Dafür bin ich sehr dankbar. So dankbar, dass ich es nicht richtig beschreiben kann.

Ich habe ein eigenes Leben

Die Aufmerksamkeit liegt oft bei ihm. Aufmerksamkeit von Ärzten, von Reportern, die über seine Krankheit berichten und manchmal auch von Familie und Bekannten. Aber man darf nicht vergessen: ich habe ein eigenes Leben. Ich bin nicht von ihm abhängig, auch wenn ich auf ihn Rücksicht nehmen muss. Seine Krankheit schränkt vor allem ihn und meine Eltern ein. Mich natürlich auch, aber doch weitaus weniger.
Er ist nicht alles in meinem Leben. Ich habe viele tolle Erfahrung mit ihm gemacht. Aber ich habe auch sehr viele einmalige Erfahrungen ohne ihn gemacht. Und das ist sehr wichtig. Ich war viel im Ausland und bin gereist. Ich habe Sachen erlebt und getan, die er aufgrund seiner körperlichen Einschränkung nicht machen kann. Ich muss nicht immer an seine Krankheit denken und daran, wie es jetzt wohl weitergeht. Ich kann auch Dinge machen, bei denen ich keine Rücksicht auf ihn nehmen muss. Und das ist toll. Er ist ein sehr großer Teil meines Lebens, aber er ist nicht alles.

 

 

Hier erzähle ich einen kleinen Teil meiner Geschichte. Einen winzigen Ausschnitt von dem Teil, der ihn beinhaltet. Dieser Teil ist sehr groß und er ist mit dem Rest meiner Geschichte verwoben. Aber es gibt auch Teile, in denen er nicht vorkommt.
Er hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin und hat meinen Lebensweg stark beeinflusst. Ich weiß nicht wie ich wäre, wenn er keinen Schlaganfall gehabt hätte. Aber es ist nunmal so. Man kann es nicht ändern.
Ich liebe ihn, wie er ist. Er ist der Mensch, der mir am wichtigsten ist. Er ist mein Bruder.
Und ich bin seine Schwester.

 

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